Wie ein Sechser im Lotto

Der Verein Theaterlandschafft bringt Inszenierungen zu Kindern in die Fläche

Von Georg Kasch

 

Es gibt sie, die kleinen Theaterwunder abseits der großen Städte. Theaterlandschafft e.V. zum Beispiel: Im Ostharz gelegen, versorgt der Verein die ländliche Region südlich von Quedlinburg und Halberstadt (wo es das Nordharzer Städtebundtheater gibt) mit Inszenierungen vor allem für Kinder. Gemeinsam mit ihrem Mann hat Theaterleiterin Kerstin Dathe seit 2012 „mitten im Wald“ ein ehemaliges FDGB-Ferienheim umgebaut. Heute ist das Baumhaus in Friedrichsbrunn – so genannt, weil an seiner Wand ein Baum prangt, aber auch, weil es erst nach und nach wächst – ein Refugium aus Bühne, Probenräumen, Schneiderei, Tischlerei und Puppenwerkstatt. Daneben gibt es Räume für Workshops, Zimmer für Übernachtungen. Und eine Freilichtbühne – was gerade jetzt, im zweiten Corona-Sommer, sehr praktisch ist, um neue und Repertoireproduktionen zeigen zu können.

 

Foto: Theaterlandschafft

Entstanden ist der Verein, weil sich eine Gruppe von freien Künstler*innen zu einem Netzwerk zusammenschloss, um sich besser als Teams für Inszenierungen verkaufen zu können. Zehn Menschen gehören zum Kernteam, alle arbeiten sie auch noch an anderen Häusern und Projekten. Dazu kommen zwei Stellen des Freiwilligen Sozialen Jahrs Kultur und Gastkünstler*innen, mit denen sie regelmäßig zusammenarbeiten. Im Jahr entstehen so rund drei Premieren, dazu kommt ein Repertoire von etwa zwölf Produktionen. Der Großteil sind Figurentheaterabende für Kinder. Aber auch Klassiker wie „Faust“ gibt’s im Programm, in heutiger Sprache.

„Wir sind ein loses Netzwerk gewesen“, sagt Theaterleiterin Dathe. „Aber bei allem Wahnsinn, der wegen Corona passiert ist: Durch Neustart Kultur haben wir einen Sprung als Verein machen können.“ Das Problem bislang: Theaterlandschafft e.V. wurde nur projektweise gefördert, nie strukturell. Zugleich ist der Organisationsaufwand hoch: „Anderswo organisiert der Kreisjugendring die 30 Orte, an denen du deine Produktion zeigst. Bei uns gibt’s keinen solchen Verteiler. Wir tragen die Post teilweise selbst bis ins Sekretariat einer Schule, weil die oft noch keinen Internetanschluss haben.“

Dank des Investitionsfonds haben sie sich nun immerhin einen Tourbus und eine mobile Bühne anschaffen können. Früher reisten sie mit mehreren privaten Autos. Jetzt sind Material und Leute an einem Ort. „Im Schnitt touren wir 80.000 Kilometer im Jahr“, sagt Dathe – zu den Kooperationshäusern in Stendal und Dessau, aber vor allem an unzählige Grundschulen und Kinderpsychiatrien auf dem Land. Ihr Ziel: Theater dahin zu bringen, wo es sonst keines gibt. Außerdem reisen sie regelmäßig zu Festivals in Chemnitz, Stuttgart, Linz. „Da versuchen wir, unser Geld zu verdienen.“ Denn über den Ticketverkauf kommt im Kinder- und Jugendtheater nicht viel rein. „Diese 40.000 Euro waren für uns wie ein Sechser im Lotto!“

Was auch für die Förderung von zwei Neuproduktionen durch #TakeAction vom Fonds Darstellende Künste gilt. Das Geld erlaube es, endlich faire Löhne zu zahlen und die Materialien, die man braucht, zu kaufen, statt sie „vom Müll zu holen“, wie Dathe sagt. Beide Inszenierungen erzählen kindgerecht von großen gesellschaftlichen Konflikten. In der Figurentheaterproduktion „Der Kontraspatz“ zieht sich eine ängstliche Maus auf einen Dachboden zurück. Während eines Gewitters suchen hier auch ein Frosch und ein Spatz Schutz. Sie sind grundverschieden: Die Maus hat Angst, der Frosch könnte platzen vor Wut und der Spatz ist grundsätzlich gegen alles.

Wie schafft man es, unter diesen Bedingungen zusammenzuleben, zumal in einer Welt, in der strenge Regeln gelten? „Ich habe während der Pandemie recherchiert, was das mit den Kindern macht“, sagt Autorin und Regisseurin Rosmarie Vogtenhuber. Sie interviewte junge Menschen zwischen vier und zehn Jahren. „Die Kinder haben mir da eine beeindruckende Liste an Verboten runtergerattert“, erinnert sich Vogtenhuber. „Ein Mädchen hat erzählt: Ich habe mich ans Fenster gestellt und Corona beschimpft!“

 

Foto: Theaterlandschafft

Corona spielt keine Rolle im Stück – die Situationen, in die uns die Pandemie gebracht hat, allerdings sehr wohl. „Ohne didaktisch sein zu wollen, ruft das Stück zum Handeln auf“, sagt Vogtenhuber. Auch dazu, Abstand zu gewinnen, die größeren Zusammenhänge zu sehen. Wie der alte Kontrabass, der schon seit über 100 Jahren auf dem Dachboden lebt.

Auch die zweite durch #TakeAction geförderte Produktion wendet sich an Kinder. Regisseurin Karin Eppler erzählt Episoden aus dem berühmten „Nils Holgersson“-Roman Selma Lagerlöfs über einen Jungen, der von einem Kobold geschrumpft wird und auf dem Rücken der Gänse sein Land aus der Luft kennenlernt. Bei ihr steht die Geschichte eines Systemsprengers im Mittelpunkt, der eine Belastung für Mensch und Tier ist, weil er keinen Respekt vor ihnen hat. „Wie geht’s einem als kleiner Mensch, der aus seiner Wut nicht rauskommt?“, fragt Eppler. Und findet bei Lagerlöf die Antwort: „Da wird nicht ein schwieriges Kind gefügig gemacht. Sondern Nils lernt durch einen Perspektivwechsel andere und sich selbst kennen.“ Gezeigt wird das als Papiertheater aus einer Rahmenhandlung heraus.

In beiden Produktionen steht Theaterleiterin Dathe auf der Bühne. Für sie ist ohnehin das wichtigste, wieder spielen zu dürfen. „Die sieben Monate ohne Theater waren die Höchststrafe!“, sagt sie. Deshalb gibt es jetzt auch keine Sommerpause. Natürlich weiß sie, dass die aktuelle Situation dazu verführt, zu viel zu schnell zu produzieren und alle zu überlasten. Aber die Freude über den Theatersommer überwiegt: „Das ist eine emotionale Befreiung!“

 

In der Reihe „Kunst trotz(t) Krise“ werfen die Kulturjournalist*innen Elena Philipp und Georg Kasch im Auftrag des Fonds Darstellende Künste einen Blick hinter die Kulissen geförderter Projekte. Wie wirkt die #TakeThat-Förderung des Fonds im Rahmen des NEUSTART KULTUR-Programms der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien?

 

Im Programm des diesjährigen Bundesforum: Impulsvortrag „Die Förderung der Freien Darstellenden Künste in ihren (sozial)räumlichen Kontexten“ von Micha Kranixfeld (Universität Koblenz-Landau) über die  Gestaltung und Förderung regionaler und eigenständiger Kulturlandschaften, überregionale Selbstorganisation der Künstler*innen und die Frage, wie sich die Freien Darstellenden Künste flächenwirksam befördern lassen. Eine Einführung zur Arbeitsgemeinschaft „Kunst im sozialräumlichen Kontext“ am 15.9.2021, 15-18 Uhr.