Trojanische Pferde

Das Opera Lab Berlin und Evelyn Hriberšek aus München arbeiten an der Zugänglichkeit von zeitgenössischem Musiktheater

Von Georg Kasch

 

Nachts kommen die Geister. Als der Putzmann in den Gängen eines Supermarkts einsam seine Runden dreht, erlischt plötzlich das Licht. Eine Chipstüte raschelt, eine Violine fiepst im Flageolett. Dann setzt das Fagott ein mit jenem Motiv in F-Moll, das als Gitarrenriff Popgeschichte geschrieben hat: Jaa dam, dadada dam, jaa dam, dadada dam. Und eine Altusstimme, dünn, zerbrechlich, wie nicht von dieser Welt, singt: „Load up your gun, bring your friends…“

„Smells Like Teen Spirit“ von 1991 dürfte nicht nur Nirvanas berühmtester Song sein, sondern auch eines der meistgecoverten Lieder der Welt – Künstler*innen wie Miley Cyrus, Metallica und Patti Smith haben sich daran versucht. Ab Oktober gibt es eine weitere Version vom Opera Lab Berlin, inklusive Musikvideo: Darin verstrickt sich der Putzmann so sehr in seine nächtliche Gedankenwelt, dass er – mit Hilfe der musizierenden Geister – selbst zum Untoten wird. Wie nebenbei hört man noch mal genau und anders hin: Was sind das für Perkussionsgeräusche? Was kratzt da, sirrt und fiept? Und was macht das mit dem Song?

Die Oper ist ein Museum. Fast das gesamte Repertoire stammt von toten Männern. Noch im 19. Jahrhundert waren die meisten Premieren Uraufführungen. Heute sind sie die Ausnahme, wird der Betrieb durch die Sänger*innen und Musiker*innen auf Temperatur gehalten – und durchs Regietheater, das versucht, alte Stoffe neu zu befragen. Aber wie im Sprechtheater neigt es auch im Musiktheater dazu, zum Spektakel für Kenner*innen zu werden und ein weniger spezialisiertes Publikum auszuschließen.

Wie also kriegt man das Musiktheater wieder populär? Das untersuchen das Opera Lab Berlin und die Künstlerin Evelyn Hriberšek aus München gerade in zwei unterschiedlichen, #TakePart-geförderten Ansätzen. Für beide sind soziale Medien und Technik ein Schlüssel, um neue Publikumsschichten zu erreichen. Und dass sie keine Angst vor der Vermischung von E und U (also Ernstem und Unterhaltung) haben.

Die Berliner Gruppe Opera Lab, die sich ausschließlich mit Musik des 20. und 21. Jahrhunderts befasst, widmet sich dabei in ihrer fünfteiligen Web-Serie „Who’s afraid of Pop Culture?“ Ikonen der Popmusik. Evan Gardner, Komponist und künstlerischer Leiter der Gruppe, hat die Partituren der einzelnen Songs so arrangiert, als handele es sich um zeitgenössische experimentelle Opernmusik: seltene Instrument-Kombinationen, Klangtexturen auf der Grenze zwischen Ton und Geräusch, harmonische Freiheiten. Dazu kommen die klassisch trainierten Stimmen, groß, pathos- und vibratosatt.

Mit der Video-Serie will Gardner die Barrieren zur Popkultur niederreißen, die Leute neugierig machen. Auf Youtube sind Coverversionen nämlich längst ein eigenes popkulturelles Genre. Allerdings würde hier niemand zeitgenössisches Musiktheater erwarten. In diesem Sinne sind die fünf Videos von Opera Lab, die ab Ende Oktober auf dessen Youtube-Kanal veröffentlicht werden sollen, so etwas wie trojanische Pferde. Die Filmregisseur*innen, die in den Clips die Regie übernahmen, zeigen Ästhetiken, die an die Tradition der Musikvideos und ihrer Narrative anknüpfen – bei Geistern und Untoten denkt man etwa beinahe automatisch an Michael Jacksons „Thriller“-Video. Zugleich arbeiten sie mit operntypischen Elementen wie Übertreibung – große Gesten, lange Blicke.

Indem es Songs von Nirvana, Lady Gaga und Beyoncé nutzt, wagt sich das Opera-Lab-Team in einen rechtlichen Graubereich. Das ist Teil des Spiels: „Natürlich ist das urheberrechtlich schwierig. Aber das ist der Geist von Youtube: Just do it!“, sagt Gardner, der betont, welches Geschenk die Arbeit für ihn als Komponist ist: „It’s so much fun!“ Sein größter Traum: dass die Popkünstler*innen selbst auf die Coverversionen aufmerksam werden und sie cool finden. Und natürlich, dass Menschen auf Youtube zufällig über die Videos stolpern, hängenbleiben – und merken: Oper ist gar nicht so verstaubt, wie wir immer dachten.

Ähnlich, nur über eine andere Plattform funktioniert Evelyn Hriberšeks „HADES LIVE 01“. Inhaltlich wie technologisch knüpft der Abend an ihre Vorgängerarbeiten an: die Single-Player-Experience „O.R.PHEUS“ von 2012, in der jede*r Besucher*in die Räume eines 1000-Quadratmeter-Bunkers entdecken konnte – dank eigens programmierter Augmented-Reality-App, mit Smartphone und Kopfhörern. Und die interaktive, virtuell-analoge Rauminstallation „EURYDIKE“  von 2017, in der sich die Spieler*innen mit VR-Brillen und Kopfhörern bewegten. Beide Projekte umkreisten den antiken Mythos von Orpheus, der mit seinem Gesang selbst die Wächter der Unterwelt betörte und an dem sich die Oper seit ihrem Anbeginn abarbeitet.

 

Videospielähnliche Grafik mit einer Person, die eine VR-Brille benutzt.
Evelyn Hriberšek & Adrian Schaetz © VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Worum es in „HADES LIVE 01“ geht, ist geheim, weil sich die Handlungsfragmente ebenso wie die Frage, wozu man hier eigentlich geladen ist, wie immer bei Hriberšek erst vor Ort erschließen. Allerdings meint vor Ort in diesem Fall auch das Internet. Denn erstmals findet eine Inszenierung der Künstlerin nicht nur live im Digital Art Space München, sondern parallel auch als Stream auf Twitch in Kombination mit Instagram statt. Am 16. Oktober gibt es ein erstes Preview zur Langen Nacht der Museen München, weitere Termine sind in Planung.

Noch ein Stream, nach all den Monaten der Corona-Pandemie mit seinen unzähligen Übertragungen? „Ich habe mich häufig gefragt, warum Musiktheaterstreams inhaltlich und inszenatorisch nicht im Sinne der jeweiligen Plattform kreiert werden. Eine Antwort ist: Es ist auf realer und digitaler Ebene unheimlich aufwendig und zudem risikobehaftet“, sagt Hriberšek. Zumal dann, wenn es nicht um eine Abbildung eines Werkes geht, sondern um ein interaktives Game, das man vom heimischen Computer aus spielen kann, wenn man mag (auch passives Zuschauen ist möglich).

Dafür bietet die gamifizierte Plattform Twitch die richtigen Voraussetzungen – auch wenn hier zunehmend Hochkultur gestreamt wird, ist es doch durch die Gaming-Community geprägt. Ein idealer Ort, um Menschen, die Oper für verstaubt halten, in eine Spiel-Umgebung zu locken, die sich als Musiktheater herausstellt.

Allerdings hat Twitch auch seine Begrenzungen und Herausforderungen. „Zum Beispiel ist die Plattform extrem sprachbasiert, reduziert Klang oft auf Chatgeräusche und Hintergrundgedüdel“, sagt Hriberšek – ordentlich Reibungspotential für ihr Musiktheaterprojekt. Außerdem gibt’s Hasskommentare und sogenannte Hate Raids, bei denen erfolgreiche Streamer*innen ihre Followerschaft gegen andere aufwiegeln. Denn letztlich ist Twitch (wie auch Youtube) ein soziales Medium, in der es um Fans, Follower und Interaktion geht. Ideal, um mit Leuten ins Gespräch zu kommen. Aber wehe, es formt sich Gegenwind.

Außerdem kann man auf Twitch nur Eintritt nehmen, wenn man Partner*in wird – dann allerdings macht die Plattform Vorgaben. „Twitch fördert Lieblichkeit, Devotheit, fragwürdige Rollenbilder“, sagt Hriberšek, die sich seit langem mit toxischer Männlichkeit im Netz und in der Technikwelt beschäftigt und mit ihren feministischen, immersiven Projekten dagegenhält. Auch urheberrechtlich ist die Sache kompliziert: „Selbst wenn ich und die Komponistin uns einig sind, heißt das noch lange nicht, dass die GEMA und Twitch zustimmen.“

So ist „HADES LIVE 01“ ein Experiment: Lässt sich Hochkultur den Menschen im Netz mit popkulturellen Mitteln vermitteln, ohne dass man dabei künstlerisch seine Seele verkauft oder auf seine Urheberrechte pfeift? „Wichtig ist, dass wir als Künstler*innen, die mit neuen Medien und Technologien sowie Streams arbeiten, anschließend unsere Erfahrungswerte teilen“, sagt Hriberšek. Damit die künstlerische Auseinandersetzung mit Streaming generell vorankommt. Aber auch, damit das Netz nicht als rechtsfreier, toxischer Ort den Trollen überlassen wird. Schon länger arbeitet Hriberšek an einem ethisch guten Umgang im und mit dem Netz. „Die #TakePart-Förderung jetzt ist ein Meilenstein, weil sie es ermöglicht, da zu forschen und zu experimentieren“, sagt Hriberšek. „Schade nur, dass es dafür eine Pandemie brauchte.“

 

In der Reihe „Kunst trotz(t) Krise“ werfen die Kulturjournalist*innen Elena Philipp und Georg Kasch im Auftrag des Fonds Darstellende Künste einen Blick hinter die Kulissen geförderter Projekte. Wie wirkt die #TakeThat-Förderung des Fonds im Rahmen des NEUSTART KULTUR-Programms der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien?