Alle Fragen offen?

Das Bundesforum endet mit einem Blick in die Zukunft – und wappnet die Teilnehmenden für die anstehenden politischen Verhandlungen

Von Georg Kasch

 

17. September 2021. Wo jemand allen anderen „Nur Mut!“ zuruft, da scheint es einiges an Ängsten zu geben. „Nur Mut!“ waren die Schlussworte von Wolfgang Schneider, Vorstandsvorsitzender des Fonds DaKü, beim Bundesforum 2021. Sie erinnerten daran, dass die Liste der in den letzten drei Tagen erarbeiteten Aufgaben lang ist: das Fördersystem reformieren, soziale Bedingungen verbessern, Diversität und Interdisziplinarität vorantreiben, prozessorientiertes statt projektorientiertes Arbeiten ermöglichen, ländliche Räume in den Fokus bekommen…

Zugleich ist überhaupt noch nicht klar, wie groß in Zukunft die Spielräume sein werden, vor allem die finanziellen. Insofern kann Mut nur helfen. Die Bundestagswahl ist die große unbekannte Größe auch in der finalen Diskussionsrunde „Antizipation der Zukunft“. Zwar rief Moderator Peter Grabowski schon mal jovial Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda zum neuen (und ersten) Bundeskulturminister aus. Aber ob selbst eine solche Personalie – Brosda ist als Bühnenvereinspräsident bekennender Theaterfreund – bedeuten würde, dass etwa die durch Corona ausgereichten Extrasummen des Bundes bleiben, auf den Stand von 2019 zurückfallen oder gar schrumpfen, weiß niemand. Kerstin Gerecht vom Kulturministerium Brandenburg nicht, die betont: „Wir sind noch nicht durch mit der Pandemie.“ Martin Eifler nicht, Referatsleiter im Hause Grütters, der immerhin betont, dass man sich um 2022 keine Sorgen machen müsse. Olaf Zimmermann, oberster Kulturlobbyist des Landes, warnt: „Wenn die Politik sagt, dass die Pandemie zu Ende ist, sind auch die Hilfsprogramme am Ende.“

Was hilft? Miteinander reden. Dafür gibt’s jetzt – dank der vielen Krisengespräche – etablierte Kanäle zwischen Bund, Ländern, Kommunen und Verbänden. Da brauche man gar nicht das ganz große Format, wie Kerstin Gerecht findet. Und worüber wird geredet? Zum Beispiel über soziale Absicherung und Vergütung. Schließlich sei durch die Corona-Krise jetzt auch vielen Politiker*innen klargeworden, in welch prekären Situationen viele freie Künstler*innen leben. Lässt sich die Lage durch eine Verstetigung der viel gelobten Stipendien verbessern, die der Bund via NEUSTART KULTUR ermöglicht hat?

Die Teilnehmenden des Abschlussresümees sitzen auf der Bühne und diskutieren
Foto: Dorothea Tuch

Kampnagel-Intendantin Amelie Deuflhard betont, dass die Stipendienprogramme sich auch für die Häuser lohnten, weil Künstler*innen dadurch „coole Sachen beantragen, die sie immer mal machen wollten“. Helge-Björn Meyer, Geschäftsführer des Bundesverbands Freie Darstellende Künste, lobt an den Stipendien die Möglichkeit des Scheiterns, ihre Bedeutung für den Arbeitseinstieg, stellt auch fest, dass diese Art von finanzierter Inszenierungsvorbereitung oft bessere Kunst zur Folge hat. Aber er sieht auch die offenen Fragen: Wie wirken sich Stipendien auf Versicherungen wie die KSK oder auf Hartz-IV aus? Die Jobcenter reagierten da sehr individuell. Deshalb habe, so Holger Bergmann, der Fonds DaKü stipendienartige Förderungen ausgegeben, um solche Probleme zu vermeiden. Allerdings wird bei diesem kollektiven Blick in die Zukunft klar, dass „Kulturpolitik nicht Sozialpolitik leisten kann“, wie Kerstin Gerecht sagt. So war eine der Erkenntnisse der Arbeitsgruppe III.4 „Die Rolle des Bundes – welche Verantwortung sollen Kulturfonds übernehmen?“, dass der Bund sich um die Einbindung der Ressorts Finanzen, Arbeit und Soziales kümmern muss, um dieses Problem anzugehen. Zumal die angemessene Forderung, Projekte, Gruppen und Künstler*innen auskömmlich zu fördern, immer wieder an den zur Verfügung stehenden Geldern scheitert. Denn bewilligten die zuständigen Jurys die geforderten (also beantragten) Beträge, würde sich die Anzahl der Geförderten halbieren. Das sei keine Lösung, findet Amelie Deuflhard: „Plötzlich nur noch die Hälfte der Zeit das Haus bespielen zu können, würde sich nicht gut anfühlen“, sagt sie. Das hieße ja, die Hälfte der Gruppen von Förderung auszuschließen. Und beim Hauspersonal müsste sie dann auch kürzen.

Immerhin, so Deuflhard: „Die Forderung nach fairer Bezahlung hat schon was bewirkt.“ Für deren Umsetzung seien, so Olaf Zimmermann, die Freien Darstellenden Künste und ihre Akteur*innen selbst verantwortlich: „Alleine hat man keine Macht, das haben die Arbeiterbewegungen einst gezeigt.“ Heißt: Bildet Banden, streikt? Das Problem sei ja, dass in der Freien Szene nicht die Häuser, sondern die Gruppen selbst die Arbeitgeber*innen seien, mahnt Deuflhard. (In der AG III.2 fordert Fanni Halmburger von She She Pop folgerichtig, auch Gruppen ohne eigene Spielstätte fördertechnisch als Institutionen anzuerkennen.) Meyer glaubt, dass die soziale Frage nur in Kooperation mit anderen anzugehen ist. Und Holger Bergmann sagt: „Wir haben keine Lösung. Das ist ein gesamtgesellschaftliches Problem.“

Der Vorhang also zu und alle Fragen offen? Nicht ganz. Denn dadurch, dass die Themen, Problemfelder, Forderungen so deutlich geäußert wurden, sich mantraartig durch Podien wie Arbeitsgruppen zogen, dürfte jedem und jeder klargeworden sind, wo die Baustellen der Zukunft liegen. Und die wissenschaftlichen Begleitstudien und ihre Zwischenstände – oft vorgestellt in den Pitches zu einzelnen Arbeitsgruppen – klingen zwar oft ‚nur‘ wie gesunder Menschenverstand, jedenfalls dann, wenn man sich halbwegs mit dem Theater auskennt. Aber sie werden, wenn die Verantwortlichen sie richtig anpacken, eben auch Munition sein in zukünftigen politischen Verhandlungen, weil es immer wieder politisch Verantwortliche geben wird, die keine Ahnung von der Situation der Freien Darstellenden Künste und Künstler*innen haben.

Insofern: Nur Mut! Die Ideen sind gesammelt, die Weichen gestellt, in wenigen Tagen wird gewählt. Was danach kommt, weiß niemand. Aber gut, dass die Verantwortlichen jetzt mit Argumenten und Handlungsempfehlungen bestens gewappnet sind.

 

Tagesaktuell berichten die Kulturjournalist*innen Georg Kasch und Elena Philipp von dem Geschehen vor Ort, zeichnen die Diskussionen nach und geben Einblicke in die Vorträge und vertretenen Standpunkte.